Beinlängendifferenz ausgleichen

Beine

Beinlängendifferenzen bei Kindern müssen beobachtet und unter Umständen behandelt werden. Oft verschwinden diese aber im Laufe der Jahre. Eine unterschiedliche Länge der Beine kann ab einem gewissen Grad eine erhebliche Belastung für den Stütz- und Bewegungsapparat darstellen. In Folge kann dies zu schweren Veränderungen, wie etwa Abnützungserscheinungen führen. Daher ist eine frühzeitige Abklärung zu empfehlen, denn die Veränderungen manifestieren sich bereits im Kindesalter und können unbehandelt zu einem Dauerzustand führen. So kann bei einer frühen Diagnostik, durch eine schnelle Therapie eventuelle Spätfolgen verhindert werden. Therapiemaßnahmen bei einer Beinlängendifferenz stellen bei angeborenen Fehlbildungen oft eine medizinisch große Herausforderung dar. Deshalb sollten therapeutische Maßnahmen nur von einem erfahrenen Kinderorthopäden vorgenommen werden.
Fast 2/3 aller Erwachsenen haben einen leichten oder schwereren Beckenschiefstand. Meistens beträgt der Beckenschiefstand nur ein Zentimeter. Nur Beinlängendifferenzen von mehr als 2 cm haben tatsächlich einen Einfluss auf die Körperhaltung bei Erwachsenen. Dabei sind Männer fast doppelt so häufig betroffen wie Frauen.
In den meisten Fällen ist der Beckenschiefstand aber beschwerdefrei. Die bewegliche Wirbelsäule ist meistens in der Lage, das symptomlos auszugleichen.

Ursachen einer Beinlängendifferenz

Die häufigsten Ursachen für eine Beinlängendifferenz neben angeborenen Fehlbildungen, sind posttraumatische Unterschiede, wie etwa nach Knochenbrüchen. Hier kann sowohl am gebrochenen Bein eine Verkürzung entstehen, als auch durch überschüssiges Knochenregenerat eine Verlängerung des Beines eintreten. In vielen Fällen entsteht eine leichte Beinlängendifferenz nicht durch asymmetrisches Knochenwachstum, sondern durch asymmetrische Belastung der Beine. Man spricht in diesen Fällen von einer „funktionellen Beinlängendifferenz“. Beim funktionellen Beinlängenunterschied ist ein Bein dann permanent stärker belastet oder hat eine stärker kontrahierte Muskulatur. Auch Haltungsprobleme, die durch eine vorwiegend sitzende Lebensweise hervorgerufen werden, können einen Beckenschiefstand verursachen. Die funktionelle Beinlängendifferenz ist also – auf Grund der bewegungsarmen modernen Lebensweise, die Haltungsschäden begünstigt – ein Problem mit gesamtgesellschaftlich zunehmender Tendenz.

Grundsätzlich wird also zwischen einer anatomischen und einer funktionellen Beinlängendifferenz unterschieden.

Anatomische Beinlängendifferenz:

Echte Beinlängendifferenz infolge seitendifferenter Länge von Oberschenkel und/oder Unterschenkel.
Mögliche Ursachen zusammengefasst:

♣ manchmal nach einer Hüft-TEP-OP (künstliches Hüftgelenk)
♣ angeboren wie Klumpfuß, Hüftluxation, Coxa vara
♣ infektionsbedingt: Osteomyelitis, septische Koxitis
♣ lähmungsbedingt: Infantile Zerebralparese, Poliomyelitis
♣ traumatisch: als Folge nach Knochenbrücken, Verletzungen der Epiphysenfuge
♣ tumorbedingt
♣ sonstige: z.B. Beinfehlstellung (X-Bein, O-Bein), Hüftkopfnekrose, Morbus Perthes
♣ Funktionelle Beinlängendifferenz

Ohne anatomische Längendifferenz aufgrund von:

♣ arthrotische Hüftgelenke
♣ Kontrakturen in der Hüfte (vermehrte Beugung, Adduktion oder Abduktion)
♣ Kontrakturen im Knie
♣ Spitzfuß

Symptome einer Beinlängendifferenz

Steht das Becken schief, muss das nicht immer nachteilig sein oder direkte Symptome verursachen. Der Beckenschiefstand kann jedoch auch zu Symptomen führen, die man zunächst nicht damit in Verbindung bringen würde. Bei einem schiefen Becken, versucht man zunächst die Wirbelsäule auszugleichen. Diese wird vor allem bei Jugendlichen seitwärts verkrümmt: Es kommt also zu einer Skoliose. Der Rücken ist immer in der Lage, kleine Längendifferenzen zu kompensieren. Handelt es sich aber um einen großen Längenunterschied zwischen den Beinen, hat dies möglicherweise eine Skoliose zur Folge. Diese kann zu äußerst schmerzhaften Kreuzschmerzen, Abnutzungserscheinungen, Bandscheibenvorfälle, aber auch zu Muskelverspannungen mit Kopfschmerzen und Sensibilitätsstörungen führen.

Im Erwachsenenalter ist eine Beinlängendifferenz von 0,5 – 1cm bei fast 50% der Bevölkerung als normal zu bewerten. Ein geringer Unterschied hat somit nicht immer eine Krankheit zu bedeuten und muss in den meisten Fällen auch nicht behandelt werden. Unterschiede von mehr als dem beschriebenen Ausmaß sind aber unbedingt abklärungs- und therapiebedürftig. Durch die ungleiche Länge kommt es bei den Betroffenen zu einem Beckenschiefstand und zu einer Ausgleichsskoliose der Wirbelsäule. Diese kann bei längerem Bestehen zu einer fortgeschrittenen Abnützung der Wirbelkörper und der Facettengelenke führen.

Diagnose bei Beinlängendifferenz

Im Kindesalter und im Erwachsenenalter muss zunächst nachgewiesen werden, ob eine tatsächliche oder eine funktionelle Beinlängendifferenz besteht. Dies geschieht durch eine körperliche Untersuchung eines erfahrenen Kinderorthopäden und nicht mittels Röntgenbildern.
Bei einer funktionellen Beinlängendifferenz kann oft mithilfe einer manualtherapeutischen Behandlung das Problem behoben werden. Diese entsteht dadurch, wenn mehrere Gelenke des Wirbel-Beckenüberganges nicht im vollen Umfang beweglich sind.
Besteht eine tatsächliche Beinlängendifferenz, ist es wichtig, mittels mehrerer Kontrollen und Messungen eines Röntgengerätes, eine Längenabschätzung bis Wachstumsabschluss zu erstellen. So kann berechnet werden, welche Größe die Differenz bis zum Wachstumsende erreichen wird. Dazu dienen auch Röntgenbilder mit aufgedrucktem Zentimeter-Maßstab.

Therapiemaßnahmen einer Beinlängendifferenz

Bei geringfügigen Unterschieden kommt ein Schuhausgleich in Frage. Liegen die Differenzen jedoch über 2 bis 3 Zentimetern, sollten operative Therapiemaßnahmen in Betracht gezogen werden. Ist das Wachstumsende noch nicht erreicht, kann mittels einer perkutanen Technik (Stichinzision von ca. 5 mm Länge) in Vollnarkose die Wachstumsfuge des längeren Beines beim Wachsen gestoppt werden. Der Patient hat danach kaum Schmerzen und muss für 3 Wochen mit Stützkrücken gehen. Für etwa 6 Wochen ist der Laufsport zu pausieren, ansonsten bestehen keine Einschränkungen. Diese Operation erfolgt üblicherweise im 11.bis 12. Lebensjahr bei Mädchen und im 13. Lebensjahr bei Buben. Der Eingriff erfordert jedoch eine noch offene Wachstumsfuge, deshalb ist diese Methode bei Wachstumsabschluss ist diese Methode nicht mehr möglich.

Bei der zweiten Technik kann auch nach Wachstumsabschluss das kürzere Bein verlängert werden. Dazu wird der Knochen durchtrennt und mit eines von außen an den Knochen angebrachten Apparates der durchtrennte Knochen in die Länge gezogen. Die Verlängerungszeit beträgt einen Millimeter pro Tag. Nach Erreichen der gewünschten Länge muss der Apparat noch belassen werden, bis der Knochen ausgehärtet ist. In der gesamten Zeit ist der Patient durch den außen anliegenden Apparat erheblich in der Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Der Vorteil dieser Methode liegt darin, das eine Korrektur Millimeter genau möglich ist.
Besteht eine schwerwiegende Verkürzung bzw. gleichzeitige Fehlstellung in mehreren Raumebenen, ist oft die Verwendung eines Ring-Fixateurs sinnvoll. Dadurch lassen sich gleichzeitig Korrekturen in mehreren Ebenen durchführen. Die unterschiedliche Beinlänge im Rahmen von angeborenen Fehlbildungen an der unteren Extremität, stellt eine besondere Herausforderung dar. Da hierbei häufig komplexe Achsfehlstellungen und andere Fehlbildungen bestehen, lassen sich die oben angeführten Therapiestrategien hier oft nicht eins zu eins umsetzen. Es bedarf einer großen kinderorthopädischen Erfahrung, um die richtigen Therapieempfehlungen abzugeben. Nicht selten wird die Beinlängendifferenz bei diesen Kindern im Neugeborenenalter diagnostiziert. Bei solchen Syndromen oder Erkrankungen sollte diese Thematik, bereits in jungen Jahren mit den Eltern besprochen werden, um eine genaue Prognose erstellen zu können.

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